Der nächste Schritt im autonomen Fahren

Selbstständig einparken können Autos heute schon – doch was kommt als Nächstes? Automatisierte Autobahnfahrt oder doch gleich die Möglichkeit am Steuer ein Nickerchen zu machen? Wie sieht die deutsche Gesetzgebung dahingehend aus und was wollen die Nutzer?

Hände vom Lenkrad auf der Autobahn?

„Wann kommt autonomes Fahren?“ Diese Frage ist wohl eine der meistdiskutiertesten Fragen in der Mobilitätsbranche in den letzten Jahren. Dass sie immer wieder gestellt wird, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es eine Frage, die uns über kurz oder lang alle betreffen wird, da das autonome Fahren unsere Mobilität nachhaltig durch gesteigerte Sicherheit und Verfügbarkeit verändern wird. Zum anderen hat sich der Unterton der Antwort auf diese Frage in den letzten Monaten von euphorisch zu realistisch gewandelt. Mit immer mehr Testfahrzeugen und Pilotprojekten auf den Straßen, aber noch keiner breiten Verfügbarkeit, wird deutlich, dass die Umsetzung von autonomem Fahren nicht ganz so einfach ist, wie in der anfänglichen Begeisterung verkündet – und das ist in Ordnung. Denn beim autonomen Fahren geht es nicht darum von 0 auf 100, also von keinerlei Unterstützungsfunktionen zum autonomen Fahrzeug, zu kommen. Es ist vielmehr eine schrittweise Entwicklung hin zu Autonomie.

An welchem Punkt in dieser Entwicklung befinden wir uns? Woran wird gerade entwickelt und gearbeitet? Eine Bestandsaufnahme.

Der Status Quo: In welchem Level der Automation befinden wir uns aktuell?

Die Entwicklung hin zum vollautonomen Fahrzeug wird in 5 Level unterteilt, die die Stadien von keinerlei Unterstützung (Level 0), über Fahrerassistenzsysteme (Level 2) und bedingter Automation (Level 3) zur Autonomie (Level 5) beschreibt. Der Großteil der modernen Autos verfügt bereits über Assistenzfunktionen, die Level 2 entsprechen. Hierzu zählen etwa Spur- und Abstandshalteassistenten oder Adaptive Cruise Control. Level 2 wird dadurch definiert, dass die Fahrzeuge sowohl die Geschwindigkeit, als auch die Fahrtrichtung selbstständig steuern können, also selbstständig Gas geben und lenken. So können Fahrzeuge heutzutage kleine Manöver bereits selber steuern, etwa beim Einparken oder im Stop-and-Go Verkehr. Dementsprechend sind diese Funktionen auch auf deutschen Straßen zugelassen. Gehen die gesetzlichen Voraussetzungen darüber hinaus?

Das autonome Fahren wird in 5 Level unterteilt.

Dürfen Fahrzeuge überhaupt autonom auf deutsche Straßen? Die rechtlichen Voraussetzungen

Fakt ist, dass die großen Automobilhersteller bereits bekannt gegeben haben, an Level 3 Funktionen, also an Applikationen für bedingte Autonomie auf vordefinierten Streckenabschnitten, zu arbeiten oder diese bereits in einzelnen Modellen integriert haben. Die rechtliche Lage in Deutschland ist auch bereits auf diese Szenarien vorbereitet: Die Straßenverkehrsordnung sieht vor, dass automatisierte Fahrfunktionen in Autos zulässig sind, der Fahrer aber, nach wie vor, rechtlich gesehen das Fahrzeug kontrolliert. Er darf die Kontrolle über das Fahrzeug zwar unter bestimmten Bedingungen an das System übergeben und sich anderen Tätigkeiten zuwenden, muss aber jederzeit in der Lage und bereit sein, einzugreifen und die Kontrolle wieder zu übernehmen. Diese Anpassung der StVO war ein erster Schritt, nun zieht auch die United Nations Economic Commission of Europe (UNECE) mit internationalen Regeln für das automatisierte Fahren auf Level 3 nach: Ab Januar 2021 sind entsprechende Funktionen auf Straßen zulässig, die für Fußgänger und Radfahrer gesperrt sind. Wichtig an dieser Regelung war auch, genauere Vorgaben für die Kontrollübergabe vom Fahrzeug zurück zum Menschen zu formulieren. So wurde beschlossen, dass Unterhaltungsprogramme automatisch gestoppt werden müssen, wenn ein Kontrollwechsel ansteht und Fahrzeuge im Notfall selbstständig anhalten müssen, sollte der Fahrer nicht reagieren.

Mit dieser neuen Regelung, haben OEMs nun eine klare Richtlinie für die weitere Entwicklung von autonomen Fahrfunktionen.

Wollen die Nutzer denn überhaupt autonome Fahrfunktionen?

Selbst wenn die technischen und rechtlichen Voraussetzungen gegeben sind, wird die Technologie nur dann nachhaltig disruptive Wirkung zeigen, wenn sie von den Verbrauchern angenommen wird. Wie stehen diese also zu autonomen Fahrzeugen?

Ausschlaggebend für die Akzeptanz von autonomen Fahrzeugen in der Bevölkerung ist die Sicherheit der automatisierten Fahrfunktionen. Studien aus den letzten Jahren zeigen hier ganz klar noch eine große Skepsis unter den Verbrauchern. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Medien in der Berichterstattung über autonome Testfahrzeuge stark auf die wenigen tödlichen Unfälle konzentriert haben, die vorgefallen sind – diese Berichte stärken nicht unbedingt das Vertrauen in die Sicherheit von autonomen Fahrzeugen. Weitere Vorbehalte gegenüber dem autonomen Fahren begründen die Verbraucher in Bedenken bezüglich eines Autonomieverlusts und der Datensicherheit. Des Weiteren fürchten die Konsumenten um den Fahrspaß, könnten sich aber vorstellen, die Steuerung auf Autobahnfahrten, also längeren, ermüdenden Strecken an das Fahrzeug abzugeben.

Die rechtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen sind damit geklärt. Wie könnte nun ein nächster Schritt im automatisierten Fahren aussehen?

Aktuell befinden wir uns in Level 2.

Ein möglicher nächster Schritt: Autonomes Fahren auf der Autobahn

Während die Funktionen in Level 2 noch unterstützend für den Fahrer wirken, ermöglicht Level 3 bereits selbstständiges Fahren des Autos auf bestimmten Fahrtabschnitten. Mit einem Blick in die Innenstädte dieser Welt wird schnell deutlich, dass dieser nächste Schritt zur Autonomie in den von komplexen Verkehrssituationen geprägten Städten zunächst schwer realisierbar sein wird. Das Fahren auf der Autobahn hingegen scheint besser umsetzbar: Hier gibt es keine Fußgänger, Radfahrer oder andere, wenig geschützte Verkehrsteilnehmer, die unangekündigt die Fahrbahn kreuzen können, keinen Quer- und Gegenverkehr, kein Abbiegen, keine Ampeln. Stattdessen muss das Fahrzeug (im besten Fall) gleichmäßig geradeausfahren und gelegentlich Spur wechseln.

Spricht dafür: Zeitgewinn auf langen Strecken

Zudem ist auch dem größten Fahrenthusiasten schnell klar, dass eine Automatisierung von Autobahnfahrten eine große Bereicherung wäre. Da der Fahrer sich in diesem Modus auch vom Verkehrsgeschehen abwenden darf, geht Level 3 auf Autobahnen mit deutlich effizienterer Zeitnutzung einher. Gerade für Menschen, die etwa beruflich viel innerhalb Deutschlands reisen, ist der Mehrwert schwer von der Hand zu weisen.

Bleibt zu lösen: Kontroll-Übergabe zwischen Fahrer und Fahrzeug

Dennoch birgt Level 3 einige Herausforderungen, vor allem die Kontroll-Übergabe zwischen Auto und Fahrer betreffend. Denn der Fahrer darf sich nur in dem Rahmen anderweitig beschäftigen, dass er noch in der Lage ist, die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen, sollten etwa komplexe Verkehrssituationen auftreten.

Diese Kontroll-Übergabe stellt zwei große Herausforderungen dar:

  1. Das Fahrzeug muss in der Lage sein, frühzeitig Situationen zu erkennen, die seine technischen Fähigkeiten übersteigen, damit der Fahrer rechtzeitig über die benötige Übernahme informiert werden kann.
  2. Die Zeit, die benötigt wird, um vom „Hands-off-Modus“ wieder in den „Fahrer-Modus“ zu gelangen, kann von einem zum anderen Fahrer sehr unterschiedlich ausfallen: Naturgemäß reagieren Menschen unterschiedlich schnell und zudem beschäftigen sie sich im „Hands-off“-Modus unterschiedlich.

Oder doch gleich vollautomatisiert fahren?

Aufgrund der Herausforderungen in der sicheren Übergabe der Kontrolle zwischen Mensch und Maschine, gibt es zudem die Überlegungen, Level 3 zu überspringen und sich gleich auf die Entwicklung vollautomatisierter Fahrzeuge entsprechend Level 4 zu konzentrieren. Hierbei steuert das Fahrzeug komplette Fahrten sowohl auf der Autobahn, als auch im Stadtverkehr überwiegend selbstständig. Der Fahrer kann sich dabei auch längerfristig anderen Tätigkeiten widmen und beispielsweise arbeiten, die Kinder auf dem Rücksitz beschäftigen oder sogar schlafen.

Nun fragt man sich vielleicht, was in Level 5 noch kommen soll, wenn Level 4 bereits aus der Automatisierung ganzer Fahrten besteht. Der große Unterschied zwischen den beiden höchsten Leveln der Automation besteht darin, dass der Fahrer in Level 4 noch die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen kann – entweder weil er selber fahren möchte oder weil Situationen entstehen, in denen das Fahrzeug keine uneingeschränkte Sicherheit gewährleisten kann, solange es sich selber steuert. In Level 5, der vollen Autonomie, hingegen wird es kein Lenkrad oder Pedale mehr geben, der Mensch hat also keine Möglichkeit mehr, das Fahrzeug selber zu steuern.

Ab Level 3 übernimmt das Fahrzeug zeitweise selbstständig die Steuerung.

Fahrspaß für den, der möchte

Der Fahrer muss also das Verkehrsgeschehen nicht mehr permanent im Auge behalten, er muss allerdings fahrtüchtig bleiben, um gegebenenfalls die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen. Im Fall, dass das Fahrzeug signalisiert, dass es in der gegebenen Situation nicht mehr selber steuern kann, der Fahrer aber nicht reagiert, steuert das Auto einen Ort an, an dem es sicher halten kann, um keine Gefahr für die Insassen oder weitere Verkehrsteilnehmer darzustellen.

Level 4 bietet also die Möglichkeit, die autonomen Fahrfunktionen jederzeit auszuschalten und selber wie gewohnt zu fahren. So bleibt der Fahrspaß erhalten, der Fahrer kann aber auf Wunsch und bei Bedarf maximal entlastet werden.

Autonomes Fahren – Was ist der nächste Schritt?

Vermutlich werden die Szenarien von futuristischen Städten, durch die gläserne Fahrzeuge völlig autonom schweben in den nächsten paar Jahren nicht unbedingt Wirklichkeit werden. Es war allerdings bereits zu Beginn des großen Hypes um das autonome Fahren absehbar, dass sich die Technologie nicht innerhalb von fünf Jahren umsetzen lässt. Es spielen viele Faktoren in die Entwicklung dieser neuen Art von Fahrzeug hinein und die Absicherung aller Funktionen kostet Zeit.

Es bleibt daher abzuwarten, welche automatisierten Funktionen als nächstes auf die Straße kommen werden – und wo. So schnell wird es also nicht still um das autonome Fahrzeug – aller Schwarzmalerei zum Trotz. 

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